Man kann es nicht anders sagen. Korsika ist einfach eine atemberaubend schöne Insel, die unheimlich viel zu bieten hat: jahrhundertealte Geschichte und schaurige Legenden, Hochgebirge, zerklüftete Felslandschaften, romantische Buchten, wüstenartige Landstriche, paradiesische Wanderwege. Korsika ist ein Ort zum Erkunden und Nachdenken.
Julie Sarperi, französische Reise-Bloggerin und Autorin von Carnets de Traverse, kam auf ihrer Korsika-Reise bei den Airbnb-Gastgebern Martine und Philippe in der Nähe des Restonica-Tals unter. Von den beiden Einheimischen bekam sie natürlich die besten Tipps, um den wilden Teil der „Insel der Schönheit“ perfekt erkunden zu können.


Ich war seit der Uni nicht mehr auf Korsika.
Erste Station Ajaccio. Wir bekommen die Autoschlüssel. Es geht in Richtung Zentrum, hinein in die Berge, ins Herz der Insel.
Wer braucht schon Strände, denke ich.
Martine erwartet uns am Fuße eines rosafarbenen Berges, etwa zehn Kilometer von Corte entfernt. Ich freue mich sehr darauf, in der traditionellen Herberge, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Philippe renoviert hat, Gast sein zu dürfen

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In der „Auberge de la Scala“, wohnte früher eine Familie mit 13 (!) Kindern. Danach wurde sie zur Post und schließlich in ein Gästehaus verwandelt und „Casa Magdala“ getauft.

Das große rötliche Gebäude schmiegt sich förmlich an die angrenzende D84 — oder ist es etwa umgekehrt? Diese Straße führt nach Piana mit seinen atemberaubenden Felsbuchten. Als ein Motorradfahrer anhält und nach dem Weg nach Porto fragt, antwortet meine Gastgeberin lachend: „Immer geradeaus.“ Dabei ist „gerade“ nicht wirklich das erste Wort, das mir beim Anblick der Straße einfällt.
Martine heißt uns willkommen und bringt uns in die „Suite unter den Sternen“. Wir treten ein und plötzlich scheint der Alltag sehr weit weg zu sein. Sofort fühlen wir uns wie zu Hause. Die Gastgeber haben großen Wert darauf gelegt, die schönen alten Möbel und traditionelle Einrichtung des Familienhauses zu bewahren.
An der Wand hängt ein Porträt des Großvaters in Militäruniform. Er war im Ersten Weltkrieg gefallen, erzählt uns Martine. Es gibt schwere Anrichten, wunderschöne antike Metalldosen, die man nur allzu gerne öffnen würde, Kerzen und einen Kamin. Das Parkett und die Holzbalken sind schon seit einer Ewigkeit hier. Besonders liebe ich den weißen Badezimmerspiegel. Er ist so schön, dass ich mich kaum auf mein Spiegelbild konzentrieren kann. Die Atmosphäre im Haus zieht mich sofort in ihren Bann.
Martine weiß viel über die Geschichte Korsikas. Ihre Erzählungen fesseln richtig. Daher entschließen wir uns, bei der Erkundung der Insel blind ihren Ratschlägen zu vertrauen.

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„Geht ihr heute Nachmittag schwimmen?“

Als sich vor ewiger Zeit der Fluss seinen Weg in das kleine Tal unterhalb der Herberge bahnte, hinterließ er ein hübsches Flussbett mit glitzernden Sandbänken. Im Hochsommer springen hier Jugendliche von den Felsen in das dunkelblaue „Tiefseetauchbecken“.
Wir gehen vom kleinen Parkplatz aus den Feldweg herunter, überqueren die Brücke und nehmen dann den kleinen Pfad durch das Macchie-Gebüsch, bis wir zu einer Ruine gelangen. Hier lädt weiter unten ein von strahlend weißen Felsen umgebenes, natürliches Wasserbecken zu Saltos und Kopfsprüngen ein. Wahnsinnig schön!
Tara, die Hündin von Martine und Philippe, folgt uns und springt gleich ins Wasser. Für uns ist es Ende Mai aber noch etwas zu früh für ein Flussbad. Wir genießen lieber den Duft der Macchie-Büsche und Feigenbäume. Man möchte für immer so sitzen bleiben! Und dazu dieses Licht … das Licht des Südens. Umgeben von so viel Naturschönheit muss man fast ein bisschen kitschig werden.
Corsica riverDie „Gorges de l’Asco“

Je weiter wir in das Tal vordringen, desto enger wird die Schlucht. Wir staunen und schwitzen. Lasst euch eins gesagt sein: Korsische Straßen sind keine Spazierwege. Schon gar nicht in den Bergen. Aber der wahnsinnig schöne Ausblick ist jede Anstrengung wert.
Wir genießen noch eine Weile, bevor wir dem zweiten Tipp von Martine folgen und unser zweiter Marathon des Tages beginnt: Mittagessen bei Jacqueline.

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Corsica graph„Ein Essen bei Jacqueline ist Pflicht.“

Jacqueline Costa serviert in ihrem Restaurant stets das gleiche Menü seit – und das seit 51 Jahren. Wir freuen uns auf „typisch korsische“ und pantagruelische Küche.
Und genau das bekommen wir auch. Im großen weißen Gastraum sitzen bereits Einheimische und andere Touristen. Wir haben uns kaum hingesetzt, da ruft man uns schon zu: „Esst auf keinen Fall zu viel Brot!“ Oh ja, dies sollte man bei Jacqueline unbedingt vermeiden, denn die Auswahl an Köstlichkeiten dort ist einfach phänomenal. Wir genießen: Beignets, Lasagne, Cannelloni und Käse.
Jacqueline begann mit 18 Jahren, in der Gastronomie zu arbeiten, wie wir erfahren. Noch heute ist das Restaurant ein echter Familienbetrieb: Ihre Enkelin bedient uns, und ich habe den Verdacht, dass das Küchenpersonal ausschließlich aus Tanten und Cousinen besteht.

1 – Korsischer Aufschnitt: Wurst, Lonzo, Coppa.
Notizen zum korsischen Wurstaufschnitt:
„Auf Korsika sagt man nicht Würstchen, sondern nur Wurst.
Korsischer Schinken ist recht schwer zu finden. Lonzo ist viel häufiger anzutreffen.
2 – Beignets mit Brocciu und Anchovis auf Bastia-Art (das heißt mit vieeel Knoblauch)
Notizen zu Brocciu:
Das ist sozusagen der Nationalkäse Korsikas. Frischer Schafskäse. Man kann ihn nur zwischen Mitte November und Juni kaufen. Im Sommer bringen die Schafe ihre Jungen zur Welt, weswegen die Milch für die Lämmer benötigt wird.
„Wer diesen Käse nicht gekostet hat, kennt die Insel nicht“ – Émile Bergerat
3 – Lasagne und Cannelloni
4 – Kalbsragout
5 – Käse (der noch reift) oder Brocciu : Hier hat man die Wahl zwischen einem deftigem Käse für Erwachsene und leichtem Frischkäse. Der Brocciu wird mit etwas Zucker und „Aqua vita“, korsischem Eau de vie, serviert. Vorzüglich!
Notizen zum korsischem Käse:
Wenn ihr korsischen Käse kaufen wollt, achtet auf die Bezeichnung „hausgemacht“ und überprüft den Fettgehalt: Wenn er mit „unbestimmt“ angegeben ist, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es sich um traditionell hergestellte Erzeugnisse handelt.
6 – Hausgemachter Karamell-Flan

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„Le Relais – Chez Jacqueline“
Ponte Castirla
Tagesmenü (25 €), in der Nebensaison nur mittags geöffnet

„Die Schönheit des Weges“

Man nennt ihn den „Défilé de la Scala“. Die Scala di Santa Regina war lange Zeit die einzige Verbindung zwischen den Bergen und dem Flachland. Ein Maultierpfad und Weg der Herdenwanderungen. Ein vom Menschen geschaffener Bergpfad, der komplett aus Steinen besteht. Faszinierende Serpentinen aus trockenem Stein, die in den Granitfelsen gezeichnet wurden. Uralte Stufen, die sich harmonisch in das Gestein einfügen.
„Der Weg ist das Ziel.“
Über die Provinzstraße D84.
Am besten parkt man neben einer kleinen Quelle (die Scala ist ausgeschildert).

Restonica

Corsica postcard

„Die besten Macarons gibt es bei Anne.“

Die korsischen Macarons von Anne Marchetti sollte man auf keinen Fall verpassen. Sie sind genauso beliebt und bekannt wie die einheimischen Macchie-Sträucher. Neben Klassikern wie Pistazie, Rosenblätter und frischer Minze werden auch Geschmacksrichtungen wie Zitronatzitrone, Kastanie mit Whiskey, Olivenöl, Honig vom Erdbeerbaum und schwarze Feige angeboten. Hmmmm….
Wenn ihr dazu Lust auf einen guten Wein habt, probiert den Le Clos Venturi. Dahinter steckt eine echte Liebesgeschichte: Anne verließ ihren Heimatort Porto Vecchio, um ihrem Freund, einem Winzer, hierher zu folgen. Er stellt hier nur seit Jahren den seltenen Höhenwein Le Clos Venturi her. Mann und Frau – Wein und Macarons – leben in diesem ganz aus Flusssteinen gebauten Haus und ergänzen sich perfekt. Man möchte ewig bleiben.

„Anne Marchetti, biscuiterie d’exception“ („Erlesene Keksbäckerei“)
Route de Corte Taverna
Piedigriggio

„Bitte auf keinen Fall verpassen: Das Restonica-Tal“

Es ist DAS Tal der Region. Manchmal muss man sich den klassischen Sehenswürdigkeiten einfach hingeben. Hier wird man es nicht bereuen.
Dennoch sollte man möglichst versuchen, den großen Touristen-Ansturm zu vermeiden.
Wir haben Glück und sind an diesem etwas verregneten Tag Ende Mai die einzigen Besucher an diesem fantastischen Ort. Es gibt Becken mit faszinierend klarem Wasser, die zum Baden einladen. Man findet Wanderwege in alle Richtungen. Der bekannteste Weg führt um den Melosee und um den Capitellosee herum.
Schon allein die Anfahrt mit dem Auto bis zum Parkplatz auf der Anhöhe ist die Reise wert. Die Gegend erinnert mich an den Yosemite Nationalpark in den USA. Ok, ich war zwar noch nicht dort. Aber – im Ernst – ich habe jede Menge Fotos davon auf Instagram gesehen und die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend.

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Corsica Restonica

Zwei weitere Tipps von Martine:

* Das Niolu-Tal und der Ninu-See (1.743 m), mit seinen Wildpferden und Schafen … Eine super Wanderung, die hin und zurück ca. 5 Stunden dauert (mit Seerundgang 1 Stunde mehr).
* La Castagniccia: eine hübsche Region mit Kastanienbäumen, großen Kirchen und farbenfrohen Klosteranlagen. Hier findet man auch die Quelle des korsischen Mineralwassers Orezza (man kann das Werk sogar besichtigen).
Herzlichen Dank an Philippe, Martine, Jacqueline, Anne, Audrey, Padoune, Tony, Tara, Scotty, Flora, Grisouille, Lilou, Bonux, Eliot, Sissi, Basile, Câline, Margot, Charlie, Noémie und Jules für ihre Gastfreundschaft und Herzlichkeit.
— Zwar handelt es sich nicht bei allen Genannten um Personen. Das ist aber nicht tragisch: Ich versichere euch, sie sind zu 100 % Korsen.

ptitdej2-de


Julie Sarperi gründete 2007 den Reise-Blog „Carnets de Traverse“. Julie hält dabei sämtliche Eindrücke auf ihrer Leica fest. Auf ihrem Blog teilt sie ihre schönsten Erlebnisse und die besten Adressen mit ihren Lesern. Vielleicht trefft ihr sie an irgendeinem Ort, wenn sie mal wieder dabei ist, kleine Reiseschätze zu sammeln: Fahrkarten, alte Fotos usw. Falls ihr gut Französisch sprecht: alle Berichte von Julie findet ihr auf carnets-de-traverse.com.